Month: November 2025

  • Mein Praktikum bei Inventivio

    Mein Praktikum bei Inventivio

    Letzten Dezember hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei Inventivio. Das Ziel war es, den Geschäftsinhaber, Herrn Hars, davon zu überzeugen, mir im Rahmen meiner Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement ein elf-wöchiges Pflichtpraktikum im Unternehmen zu ermöglichen.

    Ich habe mich sehr auf das Gespräch gefreut, weil ich das Unternehmen und den Tactonom Reader einfach cool finde. Ich hatte das Gerät selbst bereits während einer Schulung gesehen, an der fast die gesamte Berufsschule teilgenommen hat. Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Möglichkeit, taktile Grafiken mithilfe von Audio-Erklärungen leichter verständlich zu machen.

    Mein erster Eindruck vor der Schulung war jedoch ganz anders: Aufgrund eines Facebook-Posts und einiger Meinungen, die ich von anderen gehört hatte, dachte ich zunächst, es sei nur eines von vielen Navigationsgeräten für blinde Menschen. Deshalb war mein Interesse eher gering. Aber ich wurde positiv überrascht, als ich den eigentlichen Zweck und den vollen Funktionsumfang gesehen habe! Taktile Grafiken sind hilfreich und werden in Schulen häufig genutzt, um Diagramme und andere Inhalte aus Büchern darzustellen. Ohne sie ist es deutlich schwieriger, genauso effektiv zu lernen wie eine sehende Person. Audio-Erklärungen sind ebenfalls verbreitet, zum Beispiel in Form von Audioguides in Museen, die blinde Besucher einbeziehen möchten. Aber ein Gerät, welches taktile und Audioelemente mithilfe einer kamerabasierten Fingererkennung kombiniert und interaktiv erklärt, was sich unter dem Finger befindet? Ja, das ist wirklich sinnvoll und wird vielen Schülern helfen.

    Derzeit gibt es an meiner Schule ein Forschungsprojekt zu einem anderen Gerät von Inventivio, und unter anderem wurde auch ich gefragt, ob ich an Teststudien teilnehmen möchte. Bisher habe ich an fast jedem Test teilgenommen, zu dem ich eingeladen wurde, und hatte viel Spaß dabei. Es ist spannend, an der Entwicklung von Technologien mitzuwirken, die mir und anderen helfen, in der Schule oder im Beruf durch ein besseres Verständnis von Grafiken effektiver zu arbeiten. Außerdem finde ich es einfach cool, Technik zu testen.

    Als im Januar feststand, dass ich mein Praktikum dort machen kann, habe ich mich daher entsprechend sehr gefreut.

    Was waren meine Erwartungen?

    Trotz meiner positiven Einstellung zum Unternehmen waren meine Erwartungen eher niedrig, weil ich nicht wusste, wie das Team bei Inventivio auf mich und meine Blindheit reagieren würde.

    Was habe ich bekommen?

    Bekommen habe ich eine gute Einarbeitung, totales Verständnis für meine Blindheit und Orientierungsschwierigkeiten sowie sehr viel Hilfsbereitschaft. Das war ich in diesem Maße nicht gewohnt und bin allen im Team sehr dankbar! Das Beste an allem: Ich wurde nicht einfach nur beschäftigt. Ich habe Aufgaben bekommen, die tatsächlich einen echten Nutzen für das Team hatten. Das hat meine Motivation deutlich gesteigert, weil ich gemerkt habe, dass meine Arbeit einen Sinn hat.

    Ein gutes Beispiel dafür war das Testen von Grafiken auf dem Tactonom Reader Flex. Ich habe sie beschrieben, und sie wurden – teilweise nach Bearbeitung – auf Instagram veröffentlicht. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass die eigene Arbeit für einen selbst wie auch für andere sichtbar wird.

    Was waren meine Aufgaben?

    In der ersten Woche bestanden meine Aufgaben hauptsächlich darin, alle benötigten Treiber zu installieren. Das war für alle Beteiligten etwas mühsam, aber notwendig, damit alles funktioniert.

    Danach waren viele abwechslungsreiche Aufgaben dabei, vom Ausdrucken von Grafiken zu Vorführungszwecken bis zur Kommunikation mit Schulen und natürlich Rechercheaufgaben – da muss jeder Praktikant durch.

    Der bisher coolste Teil war für mich die Arbeit mit ERPNext, einem Softwaresystem, das unter anderem für die Buchhaltung genutzt wird. In der Schule arbeiten wir nur mit Excel, weil die bisher getesteten Softwarelösungen nicht mit Screenreadern nutzbar waren. Das war für mich eine komplett neue Erfahrung. Es hat mir gezeigt, dass es zwar keine zu 100 % barrierefreie Buchhaltungssoftware gibt, aber wenn man bereit ist, mit Software zu arbeiten, die zu 80 bis 90 % mit JAWS oder NVDA nutzbar ist, können auch vollblinde und hochgradig sehbehinderte Menschen effektiv in der Buchhaltung eingesetzt werden. Die Buchhaltung selbst entwickelt sich zunehmend in Richtung ERP-Systeme, weil dort, anders als in Excel mit seiner flexiblen und veränderbaren Struktur, bei der Daten leicht gelöscht werden können, jede Änderung als Korrekturbuchung erfasst wird und damit sichtbar bleibt.

    Was habe ich gelernt?

    Ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, perfekt zu sein, sondern darauf, ob man bereit ist, Zeit und Kraft in seine Arbeit zu investieren. Im Gegenzug gewinnt man Freude an der Arbeit, und wenn man Glück hat, ein tolles Arbeitsumfeld!

    Außerdem habe ich festgestellt, dass man mit guter Organisation und einem verständnisvollen Umfeld auch als Morgenmuffel motiviert in den Arbeitstag starten kann. Ein gut organisierter Arbeitsweg, keine langen und komplizierten Strecken, Kaffee und sehr nette Menschen, die ich regelmäßig mit vielen Fragen löchern kann – all das schafft eine gute Grundlage für einen gelungenen Start in den Tag.

    Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass man darauf achten sollte, was einem an der Arbeit wirklich Spaß macht. Ich stehe voll hinter dem, was Inventivio ist und was das Unternehmen entwickelt. Das motiviert mich automatisch, mich mehr einzubringen, damit ich zum Erfolg beitragen kann. Als Praktikantin ist dieser Beitrag vielleicht klein, aber er zählt – und das ist mir wichtig.

    Kann ich Inventivio für blinde Praktikanten oder Bewerber generell empfehlen?

    Ein klares und deutliches Ja! Im Team waren es zeitweise mit mir drei Blinde und es wird stark darauf geachtet, dass jeder seine Arbeit machen kann.

    Aber wichtig: Es ist kein Praktikum der Art: Du kommst, sitzt deine Zeit ab, hast nichts zu tun und wirst schon irgendwie beschäftigt. Wenn jemand das sucht, ist er oder sie hier falsch!

    Sucht man jedoch einen coolen Praktikumsplatz mit netten Kollegen und verständnisvollen Vorgesetzten und ist bereit, sich einzubringen, dann hat man eine tolle und lehrreiche Zeit. Dies ist jedenfalls meine Erfahrung!